Irgendwann im November:
Micha ist tot. Überrollt von einem Auto. Auf dem Weg von einer
Party nach Hause.Ich habe mich für die Info bedankt und
aufgelegt.Weitergearbeitet. Die Kostenaufstellung mußte ja schließlich
noch am selben Tag raus.
Und überhaupt, wer ist eigentlich Micha? Wir hatten nie besonders viele
Gemeinsamkeiten, um ehrlich zu sein so gut wie gar keine.Micha war halt
nur der Typ aus meiner Klasse mit dem ich die Oberstufe besucht hatte,
3 Jahre lang. Ob wir uns mochten? Kann ich nicht sagen. Beste Freunde
waren wir nicht grade. Aber wir wohnten in der selben Straße. also sind
wir fast jeden Morgen gemeinsam zur Schule und wieder zurück.
Tja, worüber haben wir eigentlich geredet? Ich kann es einfach nicht
mehr genau sagen.Wir haben uns wohl nie wirklich intensiv zugehört.
Meistens hat Micha eh von seinen dollen Sauftouren erzählt oder von
Partys bei Freunden . Was für ein toller Kerl er ist.
Also hatten wir mehr eine Zweckgemeinschaft:. Ab und zu mal gemeinsam
lernen.Ich wußte ein paar Dinge von ihm, er über mich auch ein paar.
Nichts zu privates.Wir sind ja schließlich keine Freunde hier…
Oft genug ging er mir mit seinem Prollgehabe gehörig auf den Keks.
Konnte doch jeder sehen das der Typ mit der verheilenden Akne den ein
wenig schiefen Zähnen nicht so der Hecht war! Und oft genug hatte er
wohl auch Grund mich richtig ätzend zu finden: Die Klugscheißerin mit
den komischen Weltansichten die ständig gemeine Sprüche klopft!� Aber
die 3 Schuljahre hat unsere Gemeinschaft gehalten.
Nach dem Abi waren wir wohlbeide froh den jeweils anderen los zu sein.
Langsam war echt mal genug. Kontakt mußte auch nicht zwingend sein.
Aber ab und zu ein „Hallo“ und „Wie gehts?“ war schon drin.
Und dann also das.Micha tot,vom Auto überrollt, höchstwarscheinlich
hackedicht, der Gute kamm schließlich von einer Saufparty. Trottel,
Vollhonk, selbst Schuld, mußte der sich denn immer so abschießen???
Schon auf jeder Schulveranstaltund damals war das so.
Aber wir hatten da ja eh immer unterschiedliche Ansichten. Ich fühle mich schlecht weil ich nicht betroffen bin. Weine oder so.
Dezember:
Die Beerdigung war vor ein paar Wochen.Ich bin nicht hingegangen. Was
soll ich auch da?? Wir waren schließlich nie „best Buddys“. Wer weiß ob
der Micha das überhaupt gewollt hätte. So viele Heuchler von allen
Seiten, da möchte ich mich nicht zuzählen. Plötzlich erscheint die
halbe Klasse auf der Trauerfeier. Jeder hat was zu sagen, niemand was
mit Inhalt.
Betrunken sei er gewesen, ja. Auf die Straße gelaufen. Selbstmord??
Dann doch eher wieder nur Leichtsinn. Die Worte drehen sich in meinem
Kopf.
Gut das ich mir dieses dumme Geseier nicht angetan habe. Ich hatte
keine Daseinsberechtigung auf der Trauerfeier. Die Eltern kennen mich
doch eh nicht wirklich! Eine Beileidskarte hab ich dann doch
geschrieben. Ich muß die Eltern ja nicht gleich mit meiner
(körperlichen) Anwesenheit auf der Trauerfeier belästigen. Wer weiß ob
das wirklich angebracht wäre. In meinen Augen eher nicht.
Später habe ich dann von irgendjemanden erfahren das ich ruhig auch
hätte kommen können.Den Eltern wäre es sicher egal gewesen. Die hätten
eh nur Augen für Michas Sarg gehabt…
Mitte Dezember
Es hat ein wenig geschneit. Ich bin grade über den
Weihnachtsmarkt gegangen. Irgendwie fühlt sich der Trubel und die
Freude um mich herum falsch an. Micha kann das alles nicht mehr sehen.
Wie sich Weihnachten wohl für die Eltern anfühlt?Schließlich war micha
das einzige Kind. Hassen sie ihn jetzt für seinen Leichtsinn? Haben sie
einen Baum und Geschenke? Mir wird Übel ich muß mich setzen.
24. Dezember
Jingle Bells im Radio. Die Hektik erreicht ihren Höhepunkt. Ich
feiere Weihnachten dieses Jahr in Zeitlupe und mit Schuldgefühlen.
31. Dezember
Happy new Year! Guter Rutsch! Ein frohes neues Jahr!! Ein neues
Jahr ist immer ein Neuanfang. Und mir kommen die Tränen. Endlich.